Und nun?

Heute würde normalerweise bei uns in Hessen die Schule wieder beginnen. Nachdem in den Ferien ein anderer Rhythmus und Alltag geherrscht hätte, würde ab heute wieder der Arbeits- und Schulalltag starten. Doch momentan ist alles anders – weiterhin bleiben die meisten Maßnahmen aufrechterhalten: keine Schule, keine Kita, Kontaktsperre.

Seit 5 Wochen leben wir nun schon diesen „neuen Alltag“. Am Wochenende ist mir etwas Interessantes an mir aufgefallen. Aufgrund der Länge, die die Maßnahmen nun schon andauern, ist es ein Stück normal geworden. Wie oben beschrieben, gibt es einen „neuen Alltag“. Dieser Alltag ist bei uns sehr viel langsamer. Es gibt in der Regel keine Termine, Arbeit ist auf ein Minimum reduziert (außer Julia`s Mundschutzproduktion, die auf Hochtouren läuft), Betriebsferien, Kurzarbeit steht an. Es gibt keine Treffen und so ist nicht zu organisieren, wer sich mit wem verabredet und wie man dorthin kommt etc. Es gibt kaum Fahrerei – sitze ich doch sonst täglich mindestens 1 Stunde im Auto, so habe ich die letzten 5 Wochen drei Mal mein Auto benutzt, weil sich alles andere mit dem Fahrrad erledigen ließ. Zu Beginn dieser Zeit fiel mir diese Entschleunigung und Reduzierung wirklich schwer und es war sehr ungewohnt ganz praktisch, aber auch innerlich gebremst zu werden. Denn bei vielem ist es gar nicht nur der praktische Aufwand der wegfällt, sondern auch die Energie, die ich sonst auf planen, organisieren, besprechen, absprechen etc. verwendet hätte. Dieses Wochenende bahnte sich dann die Frage ihren Weg, wie es wohl sein wird, wenn alles wieder möglich ist. Und ich merke wie ich grade gar nicht recht weiß, was nun stimmig ist für mich. Welches Tempo ist nun das, was zu mir und auch zu uns als Familie passt? Wie voll soll unser Leben sein? Wollen wir wieder so leben wie zuvor? Wenn nein, was soll sich ändern?

Als am Mittwoch die Nachricht kam, dass es zunächst weitestgehend so bleiben wird wie in den letzten Wochen, war ich etwas frustriert. Ich hatte gehofft, dass wir unsere Kontakte doch ein wenig ausweiten können und auch die Kinder waren erstmal ernüchtert. Mittlerweile bin ich froh, dass die Zeit noch etwas andauern wird. Denn ich habe die Hoffnung, dass es so zu einer einschneidenden Erfahrung werden kann. Zu einer Erfahrung, die einen einlädt seine Lebensweise und Prioritäten zu überdenken.

Wie will ich/wie wollen wir als Familie wirklich leben? Was fehlt uns momentan sehr? Wo merken wir, dass es uns so wichtig ist, dass wir es nicht missen wollen? An welchen Stellen bin ich/sind wir auch grade befreit? Wie hat sich unser Lebensgefühl/unsere Familiensituation verändert? Was ist uns in den letzten Wochen kostbar geworden? Was davon wollen wir beibehalten?

Ich habe schon öfters mit Menschen Gespräche geführt die genau aufgrund dieser Fragen ein Sabbatjahr einlegen, pilgern, sich eine Auszeit nehmen. Durch Corona haben plötzlich sehr viele Menschen eine „Auszeit“ von vielem, was vorher den Alltag bestimmt hat. Und da sehe ich neben aller Herausforderung dieser Krise in der Verlängerung der Maßnahmen eine Chance. Zeit zu haben ganz individuelle Antworten zu finden auf die Frage was für uns im Leben wirklich relevant ist. Herausgenommen zu sein aus dem Gewohnten, es zu hinterfragen und auf Wunsch zu verändern. Ich bin sehr gespannt, was sich aus dieser Zeit entwickelt und wie wir die Chance nutzen uns von ihr hinterfragen und verändern zu lassen…

Nochmal kurz etwas Allgemeines:

Ursprünglich haben wir ganz spontan mit diesem Blog begonnen, weil wir irgendwie einen Beitrag leisten wollten in dieser Krise. Familien und auch Einzelne unterstützen die Chance in der Herausforderung zu sehen war unsere Idee. Da es wohl noch nicht mit 5 Wochen getan war, haben wir uns überlegt weiterhin über Dinge zu schreiben, wo wir hoffen, dass es auch andere inspirieren, ermutigen oder zum Nachdenken anregen könnte. Von einer geschätzten Heilpädagogin habe ich gelernt „Nicht gegen den Fehler, sondern für das Fehlende“ zu arbeiten. Und das wollen wir hier auch weiterhin tun und hinter die Krisen und Probleme schauen, auf das, wozu es uns einlädt uns zu entwickeln und wie wir das Fehlende fördern können.

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