Konflikte und Bindungsverhalten – Teil 4

Als es heute beim Frühstück darum ging wie wir den Tag gestalten und jeder erzählte was er gerne machen will, kam es zu einer Diskussion. Jay, Kai und Theo begannen zu argumentieren, warum der eine Vorschlag möglich war und ein anderer nicht. Nur Nele ließ sich davon irgendwie nicht irritieren und bekräftigte immer wieder lauthals sie wolle „Jorgi reiten gehen“. Bei den Jungs hatte sich mittlerweile eine hitzige Diskussion entsponnen, ob wir nun Steine anmalen oder Fahrrad fahren sollten, als Jay plötzlich ganz aufgebracht sagte: „Aber Mama, das machen wir doch immer so!“…

Das machen wir doch immer so. Ich glaube, dass wir unbewusst oft genau dieses Argument verwenden. Die letzten drei Tage haben wir über Bindungsmuster geschrieben und wie es sich in unseren Konflikten zeigt. Und auch hier trifft es derweil zu. Wenn wir in Konflikte kommen oder vor Herausforderungen stehen, greifen wir zu dem, was wir doch schon immer so gemacht haben und was ja auch mal sinnvoll und hilfreich für uns war, uns jetzt aber nicht weiterbringt. Oder manchmal bringt uns auch genau das, wie wir es schon immer gemacht haben, erst in Konflikte oder Schwierigkeiten.

Heute soll es darum gehen, wie wir es mal anders machen können als wir es immer tun. Wie wir neue Erfahrungen machen können. Dazu wollen wir die Punkte von gestern nochmal anschauen:

  • Das eigene Muster erkennen und immer wieder aus der alten Geschichte aussteigen

Ein sehr wichtiger Punkt ist zu erkennen, welches Bindungsmuster man selbst erlernt hat. Ohne dieses Bewusst werden bleiben wir in unserer alten Geschichte und führen den alten Film immer wieder mit neuen Akteuren auf. Um dem Stück endlich eine neue Wendung zu geben, muss ich meine Rolle wechseln und vom Schauspieler meiner Geschichte zum Regisseur werden. Dann kann ich erkennen was hier eigentlich gespielt wird. Vorher gehe ich ganz auf in meiner jeweiligen Rolle (je nach den frühen Bindungserfahrungen). Paul Watzlawick erzählt in seinem Buch „Anleitung zum Glücklichsein dazu eine passende Geschichte: „Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er „Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer“.“

Wenn wir unsere eigenes Bindungsmuster erkennen, wird es uns im Alltag immer öfter auffallen und wir werden merken, wo wir das Verhalten anderer wieder auf die uns gewohnte Weise interpretieren. Wir beginnen es zu bemerken und kommen irgendwann in die Lage auch Einfluss darauf nehmen zu können und das Gewohnte läuft nicht mehr wie selbstständig ab. Dann wird es zum Beispiel für den Partner mit unsicher-ambivalentem Bindungsmuster irgendwann möglich zu erkennen, dass der äußere oder auch innere Rückzug des unsicher-vermeidend gebundenen Partners Angst auslöst. Er kommt in die Lage sich sein eigenes Geworden sein bewusst zu machen und zu erkennen „ah, ja, den Rückschluss, dass ich ihm nicht wichtig bin und sowieso keiner für mich da ist, wäre jetzt das gewesen, was ich immer mache.“ So kann dann irgendwann ein neues Verhalten möglich werden, zum Beispiel die Frage, ob der Partner einfach grade mal seine Ruhe braucht um sich zu entspannen? Oder ob er Zeit braucht um sich klar zu werden, was er eigentlich möchte, bevor man weiter reden kann? Dadurch wird es möglich sich in seiner eigenen Geschichte zu sehen und den anderen in  der Seinen. Werden die beiden vermischt (siehe das Beispiel gestern) wird sehr wahrscheinlich ein Drama daraus.

Anais Nin hat mal gesagt: „Wir sehen die Dinge nicht so wie sie sind. Wir sehen sie so, wie wir sind.“ Wenn wir also beginnen uns mehr zu sehen als die, die wir sind bzw. geworden sind, können wir die Dinge vielleicht auch wieder mehr so sehen wie sie sind.

  • Die Schätze des eigenen Bindungsmusters entdecken und das Erlebte oder Vermisste betrauern

Entdeckt man das eigene Bindungsmuster und wird langsam damit vertraut, wird man in verschiedenen Beziehungen merken „ah, da ist es wieder“. Man beobachtet das entsprechende Muster bei sich selbst  wie: jetzt ziehe ich mich wieder zurück, kann nicht sagen was ich fühle, traue mich nicht um Hilfe zu fragen etc. Das Verständnis für mich selbst und warum ich so fühle wie ich fühle und mich verhalte wie ich es tue wird größer. Wir haben uns in den letzten Artikeln sehr bemüht aufzuzeigen, dass Kinder diese Verhaltensweisen nicht wählen, weil sie sie als für sich gut empfinden. Kinder wählen diese Muster, weil sie auf die Bindung angewiesen sind und irgendwie mit ihren Bezugspersonen in Verbinndung bleiben wollen.

Ein vertraut machen mit dem eigenen Bindungsmuster lässt uns unser Geworden-Sein differenzierter betrachten. Da sind die Begabungen, die wir genau durch diese Bindungsmuster mitbekommen haben. Zum Beispiel die Fähigkeit emotionale Stimmungen wahrzunehmen und ganz feine Antennen zu haben. Oder in entsprechenden Situationen die Gefühle wegdrücken zu können und einfach zu funktionieren. Gleichzeitig kommen wir in Kontakt mit dem Schmerz unserer Geschichte. Dem, was nicht war. In den Grundüberzeugungen ist es bei den einzelnen Bindungsmustern schon genannt worden. Zum Beispiel der Schmerz nicht das zu bekommen, was ich brauche. Nicht gesehen zu sein mit meinem Inneren. Zurückgewiesen zu werden mit meinen Wünschen nach Kontakt. Die Ablehnung der eigenen Emotionalität usw. Hier ist es ganz allgemein formuliert. Jeder Schmerz oder das, was vermisst und offen geblieben ist, kleidet sich natürlich in eine ganz individuelle Geschichte und Form.

Nicht nur das Muster zu erkennen, sondern eben auch die Schätze zu bergen und das Verwundetet zu versorgen und trösten, macht etwas ganz Spannendes. Wir werden ein Stück mehr wir selbst, weil wir Integrationsarbeit leisten. Wir integrieren die verschiedenen Erfahrungen in unserem Leben und dadurch, dass sie einen Platz bekommen, müssen sie unser Leben nicht mehr in dem Maß bestimmen wie sie das zuvor getan haben. So schenkt der Blick und die Annahme auf das, was war und ist, eine neue Handlungsfreiheit.

  • Bewusst!!! Neue Erfahrungen machen

Jetzt kommen wir zum letzten Punkt, der dann nämlich möglich wird: neue Erfahrungen sammeln. Schatzsucher werden für neue Erfahrungen. Zum Beispiel: Ah, mein Partner zieht sich zurück, weil er es braucht und so gelernt hat. Er hat noch nicht die Möglichkeiten sich im Kontakt mit mir wieder zu regulieren. Das ist seine Geschichte und hat nichts mit mir zu tun. Unsere Beziehung ist sicher, meine Sorge kommt aus meiner eigenen Geschichte. Unsere Beziehung bleibt auch wenn er geht.

Oft entsprechen diese Grundüberzeugungen von früher ja überhaupt nicht mehr der Realität. Ich muss zum Beispiel an eine Frau denken, die überzeugt ist, dass sie nicht bekommt was sie braucht. Und leider führt sie diese Geschichte unbewusst immer wieder aus (man spricht auch von Reinszenierung). Sie hat einen Partner, der nicht in der Lage ist emotionale Schwingungen wahrzunehmen. So bleibt sie bei der Meinung, dass er sie ja nicht wirklich lieben kann, sonst müsse er doch merken, was sie braucht. Und sie bestätigt auf diese Art unbewusst wieder ihren alten Schmerz, dass sie scheinbar nicht so liebenswert ist, dass ihr jemand endlich gibt, was sie braucht. Der Partner ist hilflos, weil er es einfach nicht gelernt hat. Er bittet sie verzweifelt, sie solle doch einfach sagen, was sie braucht, er wäre bereit ihr alles zu geben, weil er sie so sehr liebe. Mal schauen, ob es ihr gelingt dieses Wagnis einzugehen und seine Liebe zu sehen. Und auch ihren eigenen Schmerz, auf deren Linderung sie noch von außen hofft. Ich würde ihr wünschen, dass sie es wagt ihre Wunde zu sehen und sie zu versorgen. Und dann bereit wird aus dem alten Film auszusteigen und ihren Partner zu sehen, der bereit ist all das für die Beziehung einzusetzen, was ihm möglich ist. Dass es so für sie gelingt, neue Erfragungen zu machen und sie endlich erlebt, ich traue mich wieder zu zeigen oder sagen was ich brauche und es kommt oft vor, dass ich es bekomme.

Wir wünschen euch nun eine spannende Entdeckungsreise der eigenen Muster, Mut zur Annahme und Würdigung eben dieser und dann ganz viele neue, heilsame Erfahrungen…

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