Konflikte und Bindungsverhalten – Teil 3

Heute beim Einkaufen, traf ich auf eine Mutter mit ihrer Tochter. Da ich etwas länger nach dem Lieblingsschokoaufstrich von Lotti suchen musste, bekam ich einen Ausschnitt der Interaktion der Beiden mit. Die Tochter kletterte vorne am Einkaufswagen. Dann fand sie Gefallen daran sich unter den Einkaufswagen auf die Ablage zu legen. Ihre Mutter suchte derweil ihre Lebensmittel zusammen. Dabei passierte es, dass die Hand der Tochter irgendwie unter das eine Rad des Wagens geriet. Das Mädchen fing bitterlich an zu weinen. Die Mutter hielt sofort an und schaute nach ihrer Tochter. Hob sie heraus und begutachtete die Hand ihres Kindes. Dabei sagte sie: „Da hast du dir ja wirklich weh getan. Oh nein, komm her (nimmt sie in den Arm). Ich hatte dir aber auch von Anfang an gesagt, dass es viel zu gefährlich ist, wenn du hier immer so herumkletterst! Ach, ja, komm  tut`s noch weh?“ Ich hatte in der Zwischenzeit meinen Schokoaufstrich gefunden und fuhr weiter mit der innerlichen Notiz, dass das ein sehr gutes Beispiel für den Artikel über unsicher-ambivalentes Bindungsverhalten ist, denn ich nach dem Einkaufen schreiben wollte…

Und so sind wir schon mitten im Thema des letzten Bindungsmusters, dass wir in dieser Reihe beschreiben wollen. Die Grundüberzeugung der Kinder, die eine unsicher-ambivalente Bindung erleben, ist die, dass sie immer enttäuscht werden. Ihre Bezugspersonen waren nicht in der Lage ihnen eine konstante Zuwendung zu geben. Sie waren unberechenbar und unbeständig im Kontakt mit den Kindern. Mal reagierten sie emotional eingestimmt, dann wieder mit emotionaler Abwesenheit. Dadurch haben diese Kinder gelernt, dass es unsicher ist, ob sie das bekommen was sie brauchen. Und selbst wenn sie es mal kurz bekommen, wird es dann durch etwas anderes wieder zunichte gemacht, was sich in dem obigen Beispiel ganz schön zeigt. Das Mädchen hat sich verletzt. In dieser Situation braucht es Nähe, Trost, Fürsorge. Die bekommt es auch einen kleinen Moment. Aber noch bevor es sich wirklich beruhigen kann, macht die Mutter ihr einen Vorwurf und gibt dem Mädchen selbst die Schuld für seine Verletzung. Das wiederrum löst bei dem Kind vermutlich das Bedürfnis aus sich zu schützen vor den Anklagen. Noch dazu in einer Situation, in der es grade Schmerzen hat und einfach nur Trost braucht. Das Mädchen weiß also, wenn ich irgendetwas habe oder es mir mal nicht gut geht, dann stehe ich damit alleine da bzw. bekomme nicht das, was ich brauche. So ist, um mal noch ein weiteres Beispiel zu nehmen, der Teenie mit seinem Liebeskummer in einer schwierigen Lage. Denn wenn er seinen Eltern davon erzählen würde, kann er nicht sicher sein, dass sie ihm Verständnis und Aufmerksamkeit schenken und ihm geben, was er braucht. Sondern er muss damit rechnen, dass er möglicherweise noch Vorwürfe dafür gemacht bekommt, dass seine Eltern schon von Anfang an wussten, dass dieses Mädchen nichts für ihn sei etc. Er durfte leider in seinem Leben nicht die Erfahrung machen: wenn ich ein Problem habe dann kümmern sich Mama und Papa um mich, ich bekomme was ich brauche und nachher geht es mir wieder besser.

Ich glaube es ist deutlich geworden, dass diese Kinder nicht konstant das bekommen, was sie brauchen. Und darin liegt auch das Dilemma. Würden sie nie bekommen, was sie brauchen wäre das sehr schlimm und wahrscheinlich würden sie irgendwann resignieren und versuchen alleine klar zu kommen (wo wir dann auch wieder bei dem unsicher-vermeidenden Bindungsmuster wären). Da diese Kinder aber weiter wünschen und hoffen, dass ihre Eltern doch so auf sie reagieren mögen wie sie es brauchen, lernen sie ihre Aufmerksamkeit immer bei den Eltern zu haben und zu erfassen, wann diese in der Lage sind sich eingestimmt zu verhalten und wann nicht. Das Bindungssystem unsicher-ambivalenter Kinder ist ständig aktiv. Sie entwickeln ganz feine Antennen, die die Stimmung der Erwachsenen sensibel wahrnehmen können (hier könnte man nun darüber forschen und diskutieren, ob solche Bindungsmuster es begünstigen eine Hochsensibilität zu entwickeln). Auf jeden Fall behindert dieses ständig aktive Bindungssystem die Exploration und Neugier massiv.

Werden die Kinder mit unsicher-ambivalentem Bindungsmuster erwachsen, sind sie nicht sicher, ob auf andere wirklich Verlass ist, da ihrem Bedürfnis nach einem sicheren konstanten Kontakt in ihrer Kindheit nicht entsprochen wurde. Tief verwurzelt ist die Überzeugung, dass für sie sowieso keiner da ist und sie am Ende doch alleine sein werden. Da wie gesagt ihr Bindungssystem ständig wachsam ist, springt es sozusagen sofort an, sobald ein Mensch den Raum betritt. Dann ist es fast unmöglich für sie bei sich selbst zu bleiben und sie verlieren sich in der anderen Person und können kaum sagen, was sie selbst wollen und brauchen. Jeden inneren Rückzug empfindet dieser Mensch in der Partnerschaft als bedrohlich. Die Anspannung beginnt meist schon, wenn der andere die Distanz vergrößert, z.B. bei einem Konflikt den Raum verlässt. All dieses Verhalten wieder sehr psycho-logisch, wenn man sich die Erfahrungen vor Augen führt, die in der Kindheit gemacht wurden.

Wie im ersten Teil beschrieben, reagieren wir in Konflikten und Herausforderungen so wie wir es schon als Kind gelernt haben und es damals unsere Beziehung gesichert hat. Nun sind unsere Partner aber nicht mehr unsere ersten Bezugspersonen auf die unser Verhalten noch immer abgestimmt ist und daher ist es wahrscheinlich, dass es zu Konflikten und Reibereien kommt. Mal ein Beispiel: Hat ein unsicher-ambivalent gebundener Erwachsener (UA) einen unsicher-vermeidend gebundenen Partner (UV) wird es hin und wieder spannend in der Beziehung. Spätestens, wenn bei einem Konflikt der UV das Weite sucht oder sich innerlich zurückzieht, weil es seine Strategie ist die Beziehung zu erhalten, bekommt der UA Panik. Seine Ängste ganz alleine zu sein und nun gar nichts mehr zu bekommen, steigern sich massiv. Durch vehemente Gefühlsäußerungen versucht UA dann vielleicht den Partner doch zu erneuter Kontaktaufnahme zu bewegen, was auf UV sehr bedrohlich wirkt, wenn UA versucht die Truhe seiner Emotionen zu öffnen, die er doch aus gutem Grund verschlossen hat. So muss er sich weiter vor UA schützen, was die Ängste von UA natürlich nur noch weiter schürt.

Hier ließen sich nun noch viele Beispiele anführen wie unsere Bindungsmuster ineinandergreifen. Ich glaube, dass in unseren Beziehungen die große Chance liegt ein Stück heil zu werden, indem wir neue Erfahrungen machen. Gleichzeitig besteht natürlich auch die Möglichkeit die alten Wunden wie in dem obigen Beispiel zu verstärken und die Grundüberzeugungen erneut zu bestätigen. Im Bild gesprochen stellt jeder Konflikt eine Weggabelung dar, wo wir wählen können welchen Weg wir einschlagen: neue Erfahrung oder Bestätigung des alten Schmerzes. Und wohl bemerkt entscheidet darüber, welchen Weg wir wählen, nicht das Verhalten des anderen. Diese Entscheidungsfreiheit liegt in unserer eigenen Verantwortung.

Was kann man also tun, wenn man den Weg der Veränderung und neuen Erfahrung wählt?

  • Das eigene Muster erkennen und immer wieder aus der alten Geschichte aussteigen
  • Die Schätze des eigenen Bindungsmusters entdecken und das Erlebte oder Vermisste betrauern
  • Bewusst!!! neue Erfahrungen machen

Morgen werden wir dann im letzten Teil dieser Reihe die drei Punkte nochmal etwas näher beschreiben…

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