Konflikte und Bindungsverhalten – Teil 2

Bei einer SAFE Weiterbildung in München bat uns Herr Brisch zusammenzutragen, wie sich werdende Eltern wohl ihr Wunschbaby vorstellen würden. Heraus kamen Kinder, die fröhlich sind, gut schlafen, unkompliziert, offen, problemlos bei anderen bleiben, selbstständig, nicht so weinerlich, nicht so empfindlich usw. Es war traurig festzustellen, dass überwiegend Kinder beschrieben wurden, die ein unsicher-vermeidendes Bindungsverhalten zeigten. Erschreckend, aber wohl nicht verwunderlich nach so vielen Jahren, in denen ein solches Bindungsmuster bedauerlicherweise hier in Deutschland als Ideal proklamiert wurde.

Wir wollen heute das unsicher-vermeidende Bindungsmuster etwas anschauen. Dazu vorab eine kleine Anekdote. Ich war spazieren und begegnete einem Vater mit seinem Sohn. Der Sohn fährt mit seinem Laufrad den Weg hin und her. Der Vater sitzt auf einer Bank. Bei einer seiner Fahrten kommt der Junge ins Trudeln und fällt hin. Er wimmert etwas und hat sich scheinbar das Knie leicht verletzt. Der mir fremde Vater hat wohl bemerkt, dass ich ihn anschaue und meint erklärend: „Ist nur `ne kleine Verletzung. Er soll sich nicht so anstellen – er bekommt das schon hin!“ Der Junge, der natürlich auch bemerkt hat, dass sein Vater keine Anstalten macht sich ihm zu nähern, rappelt sich wieder auf und fährt weiter. Mit meiner Wahrnehmung nach fast ein wenig Stolz in seiner Stimme, lächelt der Vater mir zu und sagt: „Sehen sie…“

Ein sehr eindrückliches Beispiel, dass unser Bindungsverhalten sich nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip entwickelt. Dieser Junge hat das getan, was für ihn die Bindung zu seinen Bezugspersonen sichert. Gestern haben wir es schonmal beschrieben. Da ich es aber für so relevant halte, möchte ich es nochmal wiederholen. Kinder sind wirklich zu allem bereit um die Bindung zu ihren Bezugspersonen zu erhalten auch auf Kosten ihrer eigenen Bedürfnisse und seelischen Gesundheit.

Kinder mit unsicher-vermeidender Bindung haben die Überzeugung entwickelt, dass es für sie am besten ist alleine zu sein und nichts zu brauchen.  Emotionale, manchmal auch körperliche Nähe lösen bei ihnen Unbehagen aus. Diese Kinder sind meist genau das, was man als „pflegeleicht“ bezeichnet. Sie brauchen nicht viel, umgehen es ihre Bedürfnisse zu zeigen und Nähe zu suchen. Man kann sie überall einfach abgeben. Eine Eingewöhnungszeit in der Krippe oder Kita scheinen sie nicht zu brauchen. Sie wirken äußerst selbstständig und autonom. Mary Ainsworth eine kanadische Psychologin hat in den 70er Jahren einen Test entwickelt, mit dem sie das Bindungsverhalten bei Kleinkindern erforscht hat („Fremde-Situation-Test“). Hier hat man sich zunächst auch über das autonom wirkende Verhalten der unsicher-vermeidend gebunden Kinder gewundert. Wenn sich ihre Bindungsperson aus einer ihnen fremden Situation entfernte, spielten sie scheinbar unbeeindruckt weiter. Dann hat man jedoch ihren Speichel getestet und etwas Erstaunliches festgestellt. Der Cortisolspiegel (Cortisol = Stresshormon) dieser Kinder war in dieser fremden Situation stark erhöht und blieb auch dann noch relativ hoch als die Bezugsperson wieder zu dem Kind zurückkam. Die Kinder hatten also sehr gut gelernt ihre Gefühle nicht zu zeigen oder sogar selbst zu fühlen. Sie konnten aber auch als die Bezugsperson wieder da war diese nicht als sicheren Hafen nutzen, um sich zu beruhigen und zu regulieren. Unsicher-vermeidend gebundene Kinder haben gelernt, dass ihre Bindungswünsche zurückgewiesen werden und sie so paradoxerweise noch am meisten Bindung erleben, wenn sie diese Wünsche nicht äußern. Was man ja ganz gut auch in dem Stolz des Vaters sehen kann, den ich in seiner Aussage meine gehört zu haben. So hat der Junge zwar keinen Trost, Zuwendung und Unterstützung erhalten, aber wenigstens einen stolzen Vater, den ihn nicht rügt, dass er sich nicht so anstellen soll.

Werden diese Kinder nun Erwachsen, wenden sie ihr erlerntes Muster auch auf ihre anderen Beziehungen an. So werden sie zu Erwachsenen, die ein starkes Autonomiebedürfnis haben und sich schwer tun, um Unterstützung zu bitten oder sich verletzlich zu zeigen. Und das haben sie, weil sie ja verinnerlicht haben, dass es bedrohlich ist zum Beispiel um Unterstützung zu bitten und sie damit die Bindung gefährden. Sie gehen sehr rational an das Leben heran und der Verstand ist für sie eine der wichtigsten Überlebensressourcen. Auch das eine logische Konsequenz daraus, dass es niemand gegeben hat, der früher emphatisch auf ihre Gefühle und Bedürfnisse eingegangen ist. Fragt man einen unsicher-vermeidend gebundenen Menschen wie er sich grade fühlt, bringt ihn das in Bredouille. Und ich werde nicht müde zu betonen, dass es sich hier nicht um bösen Willen handelt oder der andere nicht wirklich will. Hier zeigt sich der beste Lösungsversuch, den dieser Mensch in seiner Not als Kind finden konnte. Heute wird er in Beziehungen dann allerdings oft zum Stolperstein. Doch dahinter steht ein besorgtes inneres Kind, welches davon überzeugt ist, dass es sehr gefährlich ist, wenn es seine Gefühle spürt und sie gegenüber seinem Bindungspartner äußert. In einer Beziehung mit einem unsicher-vermeidend gebundenen Menschen hat der Partner oft den Eindruck, dass der andere in seiner eigenen Blase lebt und man nicht wirklich an ihn heran kommt.

Außerdem sind unsicher-vermeidend gebundene Erwachsene sogenannte Autoregulierer, das heißt sie ziehen sich nach Stress am liebsten zurück, um sich selbst zu regulieren und den Stress zu verarbeiten. Wenn sie sich nicht räumlich zurückziehen können, tun sie es innerlich. Für sie ist es äußerst riskant sich einmal zu trauen und nach Kontakt zu fragen oder um Hilfe zu bitten. Sie fühlen sich dabei ausgeliefert und verletzlich, was für andere Menschen kaum nachvollziehbar ist.

Nochmal kurz zusammengefasst: besser nichts fühlen, besser nichts brauchen, besser alleine klarkommen, denn meine Beziehungswünsche und Gefühlsäußerungen stoßen auf Ablehnung oder werden ignoriert.

Jetzt ist es doch etwas ausführlicher geworden, so dass wir das unsicher-ambivalente Bindungsmuster auf morgen verschieben. Es ist uns wichtig die einzelnen Muster möglichst nachvollziehbar darzustellen, weil dies ein erster wichtiger Schritt ist zur Veränderung. Zu erkennen, aus welchen Erfahrungen sich die Reaktionen speisen, die es mir heute in Beziehungen schwer machen (oder meinem Partner, mit dem ich gerne zusammen sein möchte, das Leben mit mir). Und neben dem Verstehe und bei sich selbst entdecken auch irgendwann Verständnis und Mitgefühl für sich selbst zu entwickeln. Mitgefühl für das eigene geworden sein und die entwickelten Muster, die damals der einzige mögliche Weg waren, den man hatte. Doch heute als Erwachsene können wir neue heilsame Beziehungserfahrungen machen, was jedoch nur möglich ist, wenn wir unsere eigene Schablone erkannt haben, durch die wir Beziehungen sehen und bereit sind einen neuen Blick zu wagen.

Morgen mehr…

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