Konflikte und Bindungsverhalten – Teil 1

Neulich habe ich gelesen, dass damit gerechnet wird, dass die Scheidungsrate nach der Coronakrise sehr ansteigen wird. Mal sehen, ob es sich bewahrheitet. Jedenfalls deckt es sich dahingehend mit meiner Erfahrung, dass ich die letzten Tage viele Gespräche über Beziehungskonflikte geführt habe. Daher wollen wir die nächsten Blogeinträge wie angekündigt für dieses Thema nutzen.

Immer wenn wir einen Konflikt haben oder uns herausgefordert fühlen, wird unser Bindungssystem aktiviert und wir reagieren mit dem Verhalten bzw. Bindungsmuster, welches wir als Kind erlernt haben. Dami Charf schreibt in ihrem Buch „Auch alte Wunden können heilen“, dass 90% unsere Reaktionen, die wir in Beziehungen zeigen, nichts mit unserem Partner zu tun haben, sondern sich aus unserer Geschichte ergeben.  Aus diesem Grund schauen wir uns zunächst mal die verschiedenen Muster an, die wir als Kind gelernt haben und welches Verhalten wir mit dem jeweiligen Muster in Beziehungen zeigen. Zum Schluss gibt es noch ein paar Impulse wie man sein Bindungsmuster verändern und auf Konflikte anders reagieren kann.

Beginnen wir mal ganz am Anfang…

Für ein Kind ist eine sichere Bindung für sein Überleben so grundlegend wie die Luft zum Atmen. Stellen wir uns mal die Situation vor, als in der Steinzeit die Menschen noch in großen Horden durch das Land zogen. Da war es für einen Säugling extrem wichtig Bindungsverhalten mithilfe von Weinen, Rufen, Nachlaufen, Anklammern zu zeigen, um von seiner Bindungsperson mitgenommen zu werden, wenn die Horde weiterzog oder Gefahr drohte. Zeigte ein Säugling solches Bindungsverhalten und wurden seine Signale von einer Bindungsperson verstanden und entsprechend beantwortet, indem  z.B. die Mutter den Säugling auf den Arm nahm und er auf diese Weise mitgenommen wurde, so konnte er überleben. Ignorierte die Mutter ihn hingegen, bedeutet dies seinen sicheren Tod.

Dieses Wissen steckt ganz tief in uns. Ohne Fürsorge, ohne dass sich jemand um uns kümmert, ohne emotionale Versorgung können wir nicht überleben. Aus diesem Grund, dass ein Kind weiß, dass es ohne Bindung nicht überleben kann, ist es zu allem bereit. Es wird alles tun, um die Bindung zu seiner Bezugsperson zu erhalten auch auf Kosten seiner eigenen Bedürfnisse und seiner seelischen Gesundheit.

Das jeweilige Bindungsverhalten bildet sich in den ersten drei Jahren, wobei die ersten sechs Monate nochmal eine besonders prägende Zeit sind. Das Verhalten, welches wir in dieser Zeit erlernt haben, hat uns unser Überlegen gesichert. Leider wird das eine oder andere davon heute manchmal zum Problem – dazu an anderer Stelle.

In diesen drei Jahren entsteht ein relativ festes Muster, nach dem Bindungen gelebt werden – man kann sagen eine Schablone. Diese Schablone wendet man dann auf seine Beziehungen an und sieht, wo die Beziehung der Schablone entspricht. Wo etwas nicht zu unserer Schablone passt, wird oft gar nicht wahrgenommen und bewirkt daher auch keine Veränderung. Dazu aber auch später nochmal mehr.

Jetzt wollen wir die einzelnen „Schablonen“ etwas näher betrachten.

Zunächst das sichere Bindungsmuster. Diese Menschen haben das Grundgefühl, dass die Welt sicher ist, gut für sie gesorgt wird und sie dem Leben vertrauen können.

Die Eltern dieser Kinder waren verlässlich, einschätzbar und zugewandt und die Kinder haben sich von ihren Eltern gesehen und gefühlt geühlt. Sie wissen auf Regen folgt Sonnenschein, dass heißt sicher gebundene Kinder haben gelernt, dass Konflikte, Veränderungen und Herausforderungen nicht schlimm sind. Sie haben erfahren, dass solche Situationen gelöst werden können und dass danach eine noch tiefere Bindung entsteht. So kann sich ein sicher gebundenes Kind darauf verlassen, dass Verletzungen und Konflikte gesehen und geheilt werden. Die Kinder mit diesem Bindungsmuster haben intakte Grenzen. Die Eltern können das Kind als eigenständiges Wesen sehen und nicht als eine Erweiterung ihrer selbst. Außerdem haben die Eltern selbst intakte Grenzen, die sie zeigen und schützen können. Sicher gebundene Kinder haben das Gefühl um ihrer selbst willen geliebt zu sein, sie fühlen sich gesehen und unterstützt.

Haben wir selbst ein solches Bindungsmuster erlernt oder unsere Kinder mit uns erleben dürfen, können wir uns glücklich schätzen. Falls nicht, besteht Hoffnung, denn auch ein Bindungsmuster lässt sich mit etwas Ausdauer und guten Erfahrungen verändern.

Ein Mensch, der schon als Kind ein sicheres Bindungsmuster entwickeln durfte, ist auch als Erwachsener davon überzeugt, dass alles gut gehen wird. Mit dieser positiven und zugewandten Grundhaltung ist es ihm möglich, entspannt Kontakt herzustellen, Nähe und Intimität zuzulassen und dann auch wieder aus dem Kontakt zu gehen. Sicher gebundene Erwachsene haben gelernt, dass die andere Person auch dann da ist, wenn sie grade nicht anwesend ist. Diese Objektpermanenz macht es ihnen leicht auch allein sein zu können und ein eigenes Leben zu haben ohne sich getrennt zu fühlen. Ihr elementares Lebensgefühl ist es verbunden zu sein und bei Bedarf Unterstützung zu bekommen. Sie genießen das Leben, sind in der Lage mit Stress umzugehen, können ihre Ängste gut regulieren. Das Gefühl einer sicheren Basis ermöglicht Neugier und Lust die Möglichkeiten des Lebens zu erforschen. Sicher gebundene Erwachsene haben keine Angst (zumindest keine existenzielle wie bei den anderen Mustern) vor Konflikten, weil sie wissen, dass diese zu bewältigen sind.

Natürlich ist das hier alles sehr idealisiert dargestellt. Uns ist es wichtig damit keinen Druck aufzubauen oder ein Ideal, welches man erreichen muss. Die meisten Menschen, die wir kennen haben nicht diesen sicheren Bindungsstil in die Wiege gelegt bekommen. Meine Schwiegermutter pflegt in solchen Gesprächen immer ihren Ausbilder der Transaktionsanalyse zu zitieren, der überzeugt war „es kann alles nachreifen“. Von daher ist die Erkenntnis, dass man nicht diese sichere Bindung erleben durfte oft sehr schmerzlich. Auch wenn man sieht wo man es vielleicht nicht an seine Kinder weitergegeben hat wie man es sich gewünscht hätte. Doch neue Erfahrungen sind möglich und schaffen neue neuronale Vernetzungen in unserem Gehirn, die dann auch irgendwann, wenn sie öfter genutzt werden, von Trampelpfaden zu Autobahnen werden können. Ich kenne einige Menschen, deren sicheres Bindungsverhalten erst nachreifen musste. Die aber aufgrund ihrer frühen zum Teil wirklich unschönen Erfahrungen ganz besondere Fähigkeiten entwickelt haben. Früher haben sie ihnen mal das Überleben gerettet. Heute haben sie diese Begabungen behalten als einen Schatz, den sie nun so einsetzten können, dass er ihnen selbst nicht schadet und ihr eigenes und das Leben anderer bereichert. Dazu aber auch die nächsten Tage noch mehr bei den anderen beiden Bindungsmuster, dem unsicher-vermeidenden und dem unsicher-ambivalenten….

Literaturhinweise und Empfehlungen für Teil1-3:

Dami Charf, Auch alte Wunden können heilen, Kösel-Verlag,  5. Auflage 2018Karl-Heinz Brisch, SAFE – Sichere Ausbildung für Eltern, Klett-Cotta, 6. Auflage 20

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