Das eigene Herz nähren

Gestern ergab sich spontan die Gelegenheit, dass ich mit einem Kind alleine Zeit verbringen konnte. Das ist für mich immer eine besonders kostbare Zeit, in der wir nicht schauen wie wir die unterschiedlichen Bedürfnisse von vier Personen oder noch mehr überein bekommen, sondern eins zu eins die Zeit gestalten können. So hatte ich gestern Lust eine Runde Fahrrad zu fahren und Fritz hatte Interesse mitzukommen. Ich hatte keinen festen Plan und wollte nur draußen sein und mich bewegen. Wir  fuhren los und ließen uns ein wenig treiben. Machten Rast, schauten uns um und Fritz entdeckte eine Feder. Er war begeistert und wollte weiter suchen, was es noch alles zu finden gibt. Wir suchten weiter und er sah einen Käfer, der seine Aufmerksamkeit fesselte. Ich konnte ihm einfach folgen in seiner Begeisterung. Wie wir da so über die Wiese liefen, von seiner ansteckenden Begeisterung angetrieben, hatte ich das Gefühl hier grade einen ganz wertvollen Moment erleben zu dürfen. Es kam mir vor als würde Fritz meine Aufmerksamkeit, mein mich-anstecken-lassen von seiner Begeisterung, mein Da-Sein und einfach Bei-Ihm sein ohne Plan und Ziel in sich aufsaugen wie ein Schwamm. Seine Augen strahlten und er war überglücklich. Sein Herz schien so voll zu sein vor Glück in diesem Moment. Und meines interessanterweise auch.

Als ich heute darüber nachdachte, kam mir ein Satz in den Sinn, den eine befreundetet Familientherapeutin oft sagte: „Wenn das Herz weint, kann der Kopf nicht lernen.“ Die Bindungsforschung bestätigt ebenfalls, dass wir nicht explorieren können, wenn unser Bindungsbedürfnis nicht erfüllt ist. Interessanterweise achten wir oft nicht darauf, dass unser Herz gut genährt wird und wir uns sicher fühlen. Ernähre ich mein Kind breifrei? Sollte ich es tragen oder lege ich es doch in den Kinderwagen? Stille ich oder gebe ich ihm die Flasche? Welche Schule soll mein Kind besuchen? Lernt es genug? Fordere ich es genug? Welchem Hobby soll es nachgehen? Soll es in der Kita schon Englisch oder besser noch gleich chinesisch lernen? Oder soll ich es doch lieber zur musikalischen Früherziehung anmelden?

Sicher beschäftigen uns auch immer wieder diese Fragen und es geht nicht darum sie abzuwerten. Gleichzeitig  glaube ich, dass wir nicht aus den Augen verlieren dürfen auch die Herzen unser Kinder zu „nähren“. Vielleicht grade diese „Coronaferien“ dafür zu nutzen, diese Ebene wieder etwas mehr in den Blick zu nehmen. Raum zu schaffen für Begegnungen von „Herz“ zu „Herz“.

Und natürlich auch geht es nicht nur um die eigenen Kinder. Relevant ist auch, wo und auf welche Weise wir unser eigenes Herz nähren. Wir sagen oder hören von anderen, die sich ausgebrannt fühlen, nur noch funktionieren, deren Lebensfreude abnimmt  etc. Die Chance zur Prävention liegt unter anderem darin, dass eigene Herz gut zu versorgen, dass es nicht leer wird und verhungert. Welche Nahrung braucht unser Herz? Wo sind wir in Kontakt mit unserer Lebensfreude/-kraft? Was tun wir einfach nur zum Spaß ohne Sinn und Ziel? Was erfreut unser Herz (Schönheit, Musik, Tanz, Natur, Begegnungen usw.)? Bei welchen Menschen können wir selber auftanken?

Oft wissen wir so genau, was wir tun müssen, erledigen sollten, was uns nicht gut tut und was nicht funktioniert. Aber über die Kompetenz zu verfügen in den jeweiligen Situationen, in denen wir uns befinden für uns selbst gut sorgen zu können, ist oft eine Entwicklungsaufgabe.

Ich wünsche mir für diesen Tag, dass ich heute etwas finde, tue oder erlebe, was mein eigenes Herz nährt und es auch Momente gibt, wo ich das Herzen eines anderen Menschen nähren darf – was ja auch am leichtesten geht bzw. einfach so passiert, wenn das eigene Herz voll ist…

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