Bitte oder Forderung

Heute wurde ich auf frischer Tat ertappt. Ich fragte Theo: „Kannst du bitte das Spiel wieder wegräumen?“ Theo schaute mich an und antwortete: „Nein.“ Als ich dann etwas verdutzt dastand, ergänzte er clever: „Du hast doch gefragt, Mama!“ Und da konnte ich ihm nur zustimmen. Er kannte den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen einer echten Bitte und einer Forderung. Ich hatte meine Forderung an ihn in eine Frage gekleidet, doch eigentlich wollte ich sagen: „Theo, ich will, dass du das Spiel wieder wegräumst!“ Auf den ersten Blick wirkt es erstmal wesentlich freundlicher, wenn man das, was man eigentlich sagen will in einem Fragesatz formuliert. Doch ich glaube, dass es unsere Kinder verwirrt und sie diese doppelte Botschaft, die wir ihnen senden, verunsichert. Theo hatte sich entscheiden müssen, ob er meinen Worten Glauben schenkt oder ob er eher die emotionale Botschaft seiner Mama hört, die eigentlich will, dass er dieses Spiel wegräumt.

Eine Bitte ist ergebnisoffen. Man hat Wahlfreiheit und kann sie mit Ja oder Nein beantworten. Die jeweilige Antwort hat keine negativen Konsequenzen, vor allem nicht auf der Beziehungsebene. Wenn ich mir also unsicher bin, ob ich eine Bitte oder ein Forderung formulieren will, kann ich mir einfach die Frage stellen, ob ich sowohl ein Ja als auch ein Nein akzeptieren kann.

Neulich – vor Corona – konnte ich eine Kindergruppe mit zwei verantwortlichen Erwachsenen beobachten. Die Kinder waren sichtlich aufgeregt, denn sie wollten scheinbar mit etwas spannendem beginnen. Eine Erwachsene versuchte es mehrmals und fragte die Kinder: „Wollt ihr euch nun mal hinsetzen? Wollen wir nun anfangen?“ Die Kinder antworteten nonverbal, indem sie weiter spielten. Ich vermute die Frau wollte einfach sehr nett und freundlich zu den Kindern sein. Doch leider verunsicherte ihr Verhalten die Kinder noch mehr und die andere Erwachsene schritt ein. Sie verschaffte sich die Aufmerksamkeit der Kinder und fragte zunächst, wer nun bei dem Spiel mitmachen wolle? Zwei Kinder wollten lieber zugucken und sie zeigte ihnen, wo sie sich gut hinsetzen und alles beobachten konnten. Dann sagte sie den Kindern, dass sie sich nun in einen Kreis setzten sollten und im Nu saßen alle Kinder im Kreis. Ich staunte nicht schlecht diesen kleinen Unterschied vor Augen geführt zu bekommen, der doch so eine große Wirkung hatte. Beide Frauen waren sehr freundlich mit den Kindern mit dem Unterschied, dass die eine nur dann Fragen stellte, wenn sie den Kindern auch wirklich eine Wahlfreiheit lassen wollte. Die Kindergruppe wirkte wesentlich ruhiger, hatte Orientierung und die Kinder wussten einfach woran sie waren. Im Verlauf des Spieles kam es dazu, dass diese Frau sagte, was sie nun als nächstes machen will und ein Kind äußerte, dass es das so nicht möchte. Dann wurde nach einer Lösung gesucht und tatsächlich auch eine passende für beide gefunden.

Wenn ich sage, was ich möchte, muss das ja trotzdem nicht passieren. Ich mache aber meine Position klar und bin eindeutig in dem was ich formuliere und empfinde. Dann kann der andere auch Stellung beziehen und wir können uns austauschen. Die in eine Frage gekleidete Forderung ist dagegen immer nicht stimmig und löst bei dem anderen oft Verwirrung und Unsicherheit aus. So, und nun räume ich mal Theos Spiel weg und bin wieder sehr daran erinnert, keine verkleideten Forderungen zu stellen. Sondern zu sagen, was ich möchte oder eine echte Bitte zu formulieren, die dem anderen die Entscheidungsfreiheit lässt.

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