Die „Macht“ des Vorbildes

In dem Blogbeitrag „Einem anstrengenden Missverständnis auf der Spur“ haben wir es bereits erwähnt. Wir wünschen uns, dass unsere Kinder selbstbewusst und voller Selbstvertrauen in diese Welt gehen. Dass sie ihren Weg finden im Leben, ihr Potential entfalten (wobei man wohl eher sagen sollte behalten, da  sie ja mit einem riesigen Potential zur Welt kommen, welches sich dann immer weiter verringert). Das sie emotional und sozial kompetent sind.

Dazu hatte ich neulich ein sehr aufschlussreiches Gespräch mit meiner Freundin, was ich hier freundlicherweise weitergeben darf. Sie hat vor einiger Zeit eine neue Arbeitsstelle begonnen und seitdem kam es immer wieder zu Schwierigkeiten mit ihrer Chefin.  Die Chefin, welche eine große Autorität genießt, überschritt mehrmals ihre Grenzen. Auch an diesem Tag war es zu einer Situation gekommen, in der ihre Chefin sich in eine private Angelegenheit einmischt hatte. Am Telefon sprachen wir darüber wie wütend meine Freundin war. Gleichzeitig bedauerte sie auch, dass es ihr wieder nicht gelungen war Stopp zu sagen und sich selbst zu schützen. Nachdem wir einige Zeit über das Thema gesprochen hatten, meinte sie, dass es auch noch etwas gäbe, was ihr sehr Sorgen bereite. Ihr sechsjähriger Sohn spiele in der Schule häufiger mit mehreren älteren Jungen. In den Spielen kam es dann manchmal dazu, dass es ihrem Sohn zu viel wurde, wenn er z.B. bei Polizei und Dieb-Spielen gefesselt wurde. Leider gelang es ihm nicht Stopp zu sagen und sich selbst zu schützen. Nachdem sie das ausgesprochen hatte herrschte Stille am Telefon. Wir waren beide getroffen von der Eindrücklichkeit dieser Situation. Sie hatte mit mir darüber gesprochen, weil sie nach einer Lösung suchte wie sie ihren Sohn dabei unterstützen konnte sich zu schützen und seine Grenzen deutlich zu machen. Doch ihr Sohn tat nichts anderes als das, was er all die Jahre bei ihr gesehen hatte.

„Unsre Kinder werden so wie wir sie sehen, aber sie werden auch so wie sie uns sehen.“ (Andre Stern )

Eine tolle und auch etwas beunruhigende Botschaft gleichermaßen. Wollen wir doch eigentlich, dass unseren Kindern manches leichter fällt als uns. So bleibt die Frage, wie wir das Leben, was wir ihnen wünschen?

Wie sieht es aus mit meiner eigenen Selbstwahrnehmung? Kann ich mich gut spüren? Bin ich in Kontakt mit dem, was ich brauche? Habe ich Strategien, meine Bedürfnisse zu erfüllen? Wie gehe ich mit Herausforderungen um? Mit Krisen? Wie verhalte ich mich in Konflikten? Was mache ich mit meiner Wut? Kann ich Nein sagen? Meine Grenzen und die anderer wahren? Kann ich um Hilfe bitten? Wie gehe ich mit Schwäche um? Was tue ich, wenn ich einen Fehler gemacht habe? Wenn mir etwas nicht sofort gelingt? Bin ich glücklich? Lasse ich mich begeistern? Und noch viele Themen mehr…

Ich kann meinem Kind noch so oft sagen, dass es nicht perfekt sein muss. Wenn ich selbst von mir Perfektion erwarte, muss es sich entscheiden, ob es meinen Worten mehr glaubt oder meinem Leben. Wissenschaftler würden sagen, dass die Mehrheit der Kinder sich unbewusst für das gelebte Vorbild entscheidet.

Wie ging es weiter mit meiner Freundin?

Nach dieser Erkenntnis war ihre Motivation sich diesem Entwicklungsschritt zu stellen sehr hoch. Denn ihr war klar geworden, dass sie diese Enzwicklung zwar für sich geht, sie aber gleichzeitig segensreich sein kann für die, die nach ihr kommen. So hat sie das Gespräch mit ihrer Chefin gesucht. Und wollte gleichzeitig noch mit ihrem Sohn und dessen älteren Freunden sprechen. Lustigerweise war es in diesem Fall gar nicht mehr nötig, denn nachdem sie das Gespräch mit ihrer Chefin geführt hatte, gelang es ihrem Sohn ein paar Tage später ebenfalls seine Grenzen bei seinen älteren Freunden zu schützen. Das ist wohl ein Paradebeispiel und so „einfach“ ist es meist nicht. Dennoch glaube ich, dass wir einen erheblichen Schatz in das Leben unserer Kinder legen, wenn wir unsere Entwicklungsschritte angehen.

Auch aus diesem Grund finde ich es so ein großes Geschenk mit Kindern gemeinsam zu wachsen. Denn sie laden uns durch ihre Entwicklung und auch die Herausforderungen dazu ein, auch selbst Schritte in unserer eigenen Entwicklung zu gehen und/oder sich mit dem eigenen Sein zu versöhnen und Frieden zu schließen (was ja auch wieder ein Entwicklungsschritt ist).

Konflikte und „Probleme“ bieten die Chance zu überprüfen, ob ich darin grade einen Spiegel vorgehalten bekomme. Und dann zu erforschen, welches eine gute Lösung für mein Kind und welcher nächste Schritt für mich dran sein kann.

Und jetzt will ich mich mal Penny widmen, die mich seit heute Morgen im Bett mit der Frage konfrontiert, ob wir jetzt Ostereier färben. Für sie sollte es sofort sein. So macht sie manchmal das Unmögliche möglich, wenn sie nur will. Geduld ist dann schwierig  – wo sie das wohl her hat…

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