Vom Sein-Dürfen und Werden-Müssen

Von klein auf zieht es mich zu Tieren. Ich bin gerne in ihrer Nähe. Wenn ich mit Tieren zusammen bin, erreicht  mich eine Atmosphäre des Sein-Dürfens. Schon als junges Mädchen hat mich diese Atmosphäre gelockt. Zu Wesen, die nichts bewerten. Die jeden Menschen nehmen wie er ist. Die frei sind von irgendwelchen Zielen, die sie erreichen müssen, sondern völlig im Hier und Jetzt leben. Die sich dem Leben hingeben und vertrauen, denn jeglicher Versuch ihr Leben kontrollieren zu wollen ist ihnen fremd. Und so war es für mich von klein auf wie ein Eintreten in eine andere Welt. In ein Reich des Sein-Dürfens. Oft so anders als die Welt in der wir leben. Als ich heute Morgen auf dem Rücken meines Pferdes durch den Wald gestreift bin, konnte ich es wieder spüren. Seine Einladung: „Sei jetzt ganz da!“ Ich konnte ankommen im Jetzt und bei mir selbst. So entstand auch zwischen uns ein anderer Kontakt. Irgendwann war ich wieder „bei mir Zuhause“ und man konnte mich endlich wieder bei mir selbst antreffen.

In den letzten Jahren hat dieses Sein-Dürfen wieder mehr Raum in meinem Leben eingenommen. Dennoch gibt es immer noch genug Bereich, wo es mir damit schwer fällt. Wo ich doch wieder in Kontakt bin mit allem „müssen“, planen und kontrollieren wollen, sorgen und ängstigen, bewerten, vergleichen und urteilen.

Meiner Wahrnehmung nach sind wir Menschen diesem Werden-Müssen von Anbeginn an mehr oder weniger ausgesetzt. Schon in der Schwangerschaft werden Babys dauert kontrolliert, ob sie der Norm entsprechen oder nicht. Und das setzt sich fort. Wie anstrengend habe ich die „mein Kind kann schon – kann deins etwa noch nicht“ Unterhaltungen empfunden. Leider geht es so immer weiter – jemand der etwas gut kann wird selten als Ergänzung meiner vielleicht nicht so stark ausgebildeten Fähigkeiten in diesem Bereich wahrgenommen, sondern als Konkurrenz. Wie mit dem meisten im Leben, ist Kontrolle, die angesprochenen Vorsorgeguntersuchungen etc. nicht schlecht an sich. Ganz im Gegenteil sind sie gedacht um Babys und Kinder gegebenenfalls zu unterstützen und können sogar Leben retten. Feuer kann wärmen, aber eben auch verbrennen und mir geht es heute um den Bereich, wo das oben angesprochene uns „verbrennt“. Daher frage ich mich, ob unsere Kinder bereits ein Stück verlernt haben in dieser Welt des Sein-Dürfens zu leben, aus der sie ja eigentlich kommen. Oder noch etwas zugespitzter formuliert, ob wir sie genau aus dieser Welt herausholen, weil wir sie selbst immer mehr vergessen haben.

Ich hoffe, dass diese Zeit, wo jetzt vieles im Außen nicht möglich ist, uns vielleicht einlädt ins Innen. Wir selbst wieder anfangen mehr zu Sein. Leider steht uns da ja nicht nur die Gesellschaft oder Rahmenbedingungen im Wege. Auch wenn das nicht wäre, haben wir es schon so verinnerlicht, dass wir es uns selbst manchmal nur schwer erlauben können zu Sein. Andre Stern ist der Meinung, dass wir alle ein verletztes Kind in uns tragen, dass nichts anders hören will als: „Ich hab dich lieb, weil du so bist, wie du bist!“ Die Sehnsucht geliebt zu werden für mein Sein. Nicht für irgendetwas, was ich tue, getan habe und irgendwann tun werde. Dafür, dass ich bin, wie ich bin. Ich wünsche mir, dass wir uns wieder mehr auf darauf einlassen und es uns auch selbst erlauben einfach mal zu sein. Uns selbst zu versichern: Ich liebe mich, dafür, dass ich bin wie ich bin! Ich muss mich nicht erst verändern oder irgendwie werden, um geliebt zu sein/mich selbst zu lieben.

Ich glaube, wenn uns das hin und wieder gelingt, können unsere Kinder auch vertraut bleiben mit ihrer Welt des „ich bin geliebt, weil ich bin!“. Es wäre doch traumhaft, wenn wir uns von unseren Kindern einladen lassen würden in diese Welt, anstatt sie in unsere Welt hinein zu erziehen.

Vielleicht eine Chance dieser Zeit – wieder mehr dort anzukommen, wofür ich eigentlich erdacht bin – ich selbst zu sein.

Ein Kommentar zu “Vom Sein-Dürfen und Werden-Müssen

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