Von der Kunst Nein zu sagen – Teil 3

Gestern ging es ja darum, die eigenen Gefühle anzunehmen. Und dass unsere Gefühle zum Leben dazugehören und es bunt machen. Heute gehen wir bei unserem letzten Punkt quasi nochmal einen Schritt zurück. Ein authentisches Nein ist auch dann eine schwierige Antwort, wenn ich mich selbst nur schwer spüren kann. Daher heute der Punkt

3. Fehlende Selbstwahrnehmung

Die kleine Nele hat ihr Nein regelrecht gefeiert. Für sie war es eine unheimlich große Entdeckung. Sie war zum Beispiel morgens ganz vertieft am Spielen und ich die Kinder in die Schule bringen musste. Ich sagte ihr, dass ich jetzt fahren will und sie mitnehme, weil sie nicht alleine zuhause bleiben kann. Sie sagte natürlich „Nein!“. Leider gab es keine Alternative und die Möglichkeit ihre Spielsachen mit ins Auto zu nehmen, schlug sie aus. So trug ich sie ins Auto und sie weinte bitterlich und betonte immer wieder „Nele aber Nein sagt.“ Es war ihr vollkommen unverständlich wie ihr Nein keine Berücksichtigung finden konnte. War es doch für sie etwas so persönliches. Das Spielen war längst irrelevant. Sie trauerte um ihre Selbstbestimmung. Das Selbstverständnis mit dem diese kleine zweijährige Person es vertrat, dass es eine Normalität sein sollte, dass sie ernst genommen wird, hat mich beeindruckt. Denn ich weiß um sehr viele Menschen, die nicht sagen können, was sie grade fühlen und was sie wollen. Oft haben sie bereits als Kind für sich die Lösung gefunden, dass sie um in ihrer Herkunftsfamilie gut zu überleben, ihre Gefühle und Bedürfnisse am besten nicht spüren (typisch zum Beispiel bei unsicher-vermeidendem Bindungsstil). Für sie war es als Kind also ganz wesentlich diese Fähigkeit der Verdrängung und Nicht-Fühlens zu besitzen. Nun werden sie selbst Eltern und ihre Kinder fordern von ihnen Authentizität und erzwingen diese sogar regelrecht. Sie lassen so lange nicht locker, bis sie eine authentische Antwort erhalten und  den anderen spüren. Das ist natürlich besonders herausfordernd, wenn man nicht wirklich sagen kann, wie man sich fühlt und was man will.

Wenn es mir so geht, empfinde ich es sehr hilfreich inne zu halten. Wenn eine Frage an mich herangetragen wird, mir einen kleinen Moment Zeit zu gönnen. Zu atmen und mich zu fragen, was will ich jetzt eigentlich wirklich? Wie fühle ich mich grade? Kann ich aus vollem Herzen Ja zu dem andren sagen oder ist das grade nicht möglich? Kinder sind da auch meist sehr verständnisvoll und können sogar eine Menge davon lernen, wenn man ihnen sagt, dass man grade nicht richtig weiß, was man will und erstmal überlegen muss. Zum Beispiel habe ich es mir irgendwann mal zur Angewohnheit gemacht, wenn mich jemand anruft und etwas von mir möchte, nicht sofort zu entscheiden. Denn oft habe ich mich dann auf eine Frage antworten hören „Ja, das könnten wir machen.“ Bis mich dann irgendwann eine langjährige Freundin mal darauf aufmerksam machte, dass wenn sie diese Antwort von mir bekommt, sie schon weiß, dass es nichts wird. Sie meinte dann, dass es für sie wesentlich leichter wäre, ich würde einfach „Nein“ sagen. Jetzt nehme ich mir die Freiheit, erstmal über eine Anfrage nachzudenken, um herauszufinden, was ich wirklich will. So kann ich authentisch Ja oder auch Nein sagen.

Das heißt: eine Pause einlegen, sich selbst spüren lernen, achtsamer werden.

Das braucht etwas Zeit und Übung. Irgendwann ist dann das spüren, was man empfindet und will schon wesentlich leichter. Lotti zum Beispiel hat genau damit die letzten Monate sehr intensiv beschäftigt. Sie ist von ihrem Naturell her sehr empfindsam und vor allem laute Geräusche mag sie nicht gerne. Sie bekommt unheimlich viel mit und wenn es harmonisch zugeht, mag sie das ausgesprochen gern. Fragt man sie, was heute an dem Tag für sie schön war, würde sie wahrscheinlich antworten, dass es heute keinen Streit gab und niemand geschimpft hat. An Lottis Verhalten kann man oft erkennen, welche Stimmung in der Luft liegt. Spielen Jay, Kai, Penny und Lotti miteinander und Lotti taucht irgendwann auf und will nicht mehr mitspielen, kann man die Uhr danach stellen, dass innerhalb der nächsten fünf Minuten Kai oder Jay weinend die Hilfe eines Erwachsenen suchen. In letzter Zeit ist mir öfters aufgefallen, dass Lotti ganz genervt reagiert hat, wenn ich sie etwas gefragt habe. Wir wollten zum Beispiel rausgehen und sie wollte ihre Schuhe nicht anziehen. Ich war aber grade noch beschäftigt und habe ihr gesagt, dass sie es erstmal bitte selbst versuchen soll. Darauf fing sie an zu schimpfen, dass sie immer alles alleine machen müsse. Nie würde ich ihr helfen usw. Mir fiel auf, dass ihr alles zu viel war. Als ich das öfters beobachtete, machte es mich etwas stutzig und ich begann mich zu fragen, warum sie auf einmal so überaus heftig mir gegenüber reagiert. So hab ich ein bisschen genauer hingeschaut und bemerkt, dass Lotti oft Ja sagte, wo ich nicht sicher war, ob sie das wirklich wollte. Als es dann wiedermal zu einer solchen Situation kam, nahm ich sie kurz zu mir. Fritz hatte etwas haben wollen, womit sie grade spielte und sie wollte es ihm geben. Ich fragte sie, ob sie es ihm wirklich geben möchte oder ob sie Angst hat, dass Fritz sonst anfängt zu weinen (und das kann er lauthals, was Lotti gar nicht mag). Sie bestätigte, dass sie eigentlich noch damit spielen will, aber sie nicht mag, wenn Fritz weint. Solche Situation kamen öfters vor. Sie hatte also mehrfach Ja gesagt, was sie eigentlich nicht wollte und bei mir platzte ihr dann irgendwann der Kragen. Übrigens passiert es auch Eltern, dass sie an Punkte kommen, an denen sie über sich selbst erschrecken. Sie reagieren plötzlich unverhältnismäßig heftig. Oder tun Dinge, die sie eigentlich gar nie tun wollten und sind zutiefst enttäuscht über sich selbst. Meist hat es damit etwas zu tun, dass sie viel zu oft Ja sagen „mussten“, wobei sie eigentlich hätten Nein sagen wollen. Der Frustrations- und Aggressionstank füllt sich und irgendwann bringt ein Tropfen das Fass zum Überlaufen. Solche Situationen sind unbefriedigend für alle Beteiligten. Das Problem liegt in den vielen halbherzigen Jas zu denen man sich gezwungen fühlte/hat und eben zu einem Nein nicht in der Lage war.

Lotti und ich haben dann gemeinsam überlegt, wie es ist etwas gerne zu geben und wie, wenn man sich gezwungen fühlt. Haben geschaut, welche Bedürfnisse sie eigentlich hat und was ihr wichtig ist. Wir haben gesucht, welche Möglichkeiten sie hat, sich vor den Gefühlen, die der andere aufgrund ihres Neins hat, zu schützen und abzugrenzen. In verschiedenen alltäglichen Situationen haben wir gemeinsam innegehalten und geschaut, was sie grade eigentlich wirklich möchte. Und ich erinnere mich noch gut, wie sie sich irgendwann traute Nein zu Fritz zu sagen und sich beim Aussprechen schon ihre Ohren zuhielt. Heute kann sie in der Regel deutlich wahrnehmen, wann sie Ja und wann Nein sagen will und traut sich das auch schon wesentlich öfter zu tun. Neulich hat sie Penny etwas abgegeben und als sie mich herüberschauen sah, meinte sie nur „Mama, ich will es gerne abgeben. Ich will Penny einfach eine Freude machen.“

Um authentisch zu sein, ist es wichtig zu wissen, wie es mir geht und was ich will. Dann ist es auch – wenn es kongruent ist- kein Problem öfters Ja zu sagen. Jesper Juul sagt diesbezüglich: „Wenn Kinder das bekommen, worauf sie Lust haben, nehmen sie daran keinen Schaden, sofern die Eltern durch dieses Verhalten nicht versuchen, Konflikten aus dem Weg zu gehen, sich beliebt zu machen oder eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu unterdrücken.“

Vielleicht bietet diese entschleunigte Zeit sich ja geradezu an, ein wenig achtsamer zu werden und sich selbst wieder mehr zu spüren.

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