Die Kunst Nein zu sagen – Teil 2

Heute geht es um einen weiteren Punkt, warum es schwer fallen kann Nein zu sagen und das ist die:
2. Angst vor Konflikten und heftigen Gefühlen

Wahrscheinlich ist es eher eine Seltenheit, dass wir Nein zu jemandem sagen und dies ohne weiteres freudig aufgenommen wird. Meist führt ein Nein zu einem Konflikt. Die Strategie, die der andere sich überlegt hat, um sein Bedürfnis zu erfüllen, wird abgelehnt. Jetzt muss neu verhandelt werden welche Möglichkeiten es noch gibt. In der Transaktionanalyse geht man von fünf verschiedenen Antreibern aus. Diese Antreiber motivieren uns zu unseren Handlungen. Einer davon ist der Antreiber „Mach es allen Recht!“. Wenn dies verinnerlicht ist, und mein Verhalten bestimmt, werde ich natürlich versuchen keine Konflikte entstehen zu lassen. Hinzu kommt, was ich selbst in meiner Kindheit gelernt habe, wie mit Konflikten umgegangen wird. Gab es überhaupt Konflikte? Wenn ja, wie wurde sich dann verhalten? Wie wurde darauf reagiert, wenn ich meine Meinung gesagt habe? Etwas nicht wollte? Wurde es respektiert oder wurde ich dafür „bestraft“? Bis vor kurzem noch waren Kinder, die sagen, was sie wollen, nicht gerade beliebt. Ganz nach der Maxime „Kinder die was wollen, kriegen was auf die Bollen.“ Je nachdem wie ich aufgewachsenen bin, wie respektiert und erwünscht es war, dass ich sagen kann, was ich will und brauche, so reagieren wir auch als Erwachsene auf Konflikte. Vor allem dann, wenn wir in Stress geraten. Dann stehen uns nur noch die ganz tief eingeprägten und früh erlernten Muster zur Verfügung. Wenn ich zu einem authentischen Nein in der Lage sein will, ist es relevant zu schauen, wie ich gelernt habe mit Konflikten und mit meinen eigenen Bedürfnissen umzugehen. Jesper Juul sagt dazu in seinem Buch Nein aus Liebe, was wirklich empfehlenswert ist: „Die paradisische Familie erfordert, dass alle der Harmonie einen größeren Stellenwert beimessen als ihren eigenen Bedürfnissen und Grenzen“. Wollen wir unseren Kindern einen gesunden Selbstwert mitgeben, kommen wir nicht umhin unsere Bedürfnisse und Grenzen zu vertreten. Was gleicherweise natürlich auch für unsere Kinder gilt. Das heißt Konflikte gehören unvermeidbar dazu. Sie sind eine Chance an der wir uns besser kennen lernen und miteinander wachsen können.
Zu den Konflikten gehören meist heftigere Gefühle. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass Penny als sie ca. 2.5 Jahre alt war, an manchen Tagen eine gefühlte Ewigkeit schreiend auf dem Boden vor dem Kühlschrank verbracht hat. Für sie war es so frustrierend und sie war unheimlich wütend als ich ihr nicht ermöglicht habe morgens nach dem Aufstehen ein Eis zu essen. Mir war also schon klar, wenn wir morgens runterkamen und sie schon durchstartete zum Kühlschrank, dass wir um einen heftigen Gefühlsausbruch nicht herum kommen, wenn ich nun Nein sage. Zum Glück hatte ich mich zu dem Zeitpunkt schon etwas mit meinen eigenen Gefühlen angefreundet und konnte daher gut Nein sagen. Ihre Wut und Frustration aushalten und sie darin begleiten. Eine befreundetet systemische Therapeutin sagt immer: Das, was ich mir selbst nicht erlauben kann, kann ich dem anderen auch nicht erlauben.“ Sprich, wenn ich mir bestimmte Gefühle nicht erlauben kann oder gelernt habe, dass diese nicht sein dürfen, fällt es immens schwer meinem Kind Empathie zu geben, wenn es diese Gefühle empfindet. Auch hier stellt sich wieder die Frage, welche Erfahrungen ich persönlich mit dem Umgang mit meinen Gefühlen gemacht habe? Waren alle Gefühle ok? Gab es bestimmte Gefühle, die abgelehnt wurden? Wie wurde ich emotional Co-reguliert? Mit welchen Gefühlen war ich vielleicht ganz alleine und da sie zu groß für mich waren, war es hilfreicher sie zu nicht zu fühlen?
Nun habe ich selbst dieses schreiende Kind auf meinem Boden. Was passiert in mir, wenn ich seine Wut, Trauer, Schmerz sehe? Muss das ganz schnell aufhören? Muss ich das „wegmachen“? Es vertrösten mit etwas anderem, was es gerne mag? Oder gebe ich ihr einfach ein Eis, damit es gar nicht so weit kommt?
Sich mit den eigenen Gefühlen vertraut zu machen, ermöglicht es auch andere in ihrem Sein anzunehmen und zu begleiten. Und das Gute ist, ich habe noch nie erlebt, dass solche Gefühlsausbrüche nicht aufgehört haben. Dürfen die Gefühle sein, man bekommt Verständnis und Empathie, verändern sie sich wieder. Und so kann auch ein Nein ganz viel Verbinndung schaffen, die Beziehung und das Vertrauen ineinander stärken. Soviel mal für heute.

Morgen noch der letzte Teil…

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