Die Kunst Nein zu sagen – Teil 1

„Letztlich können wir nur dann ausvollem Herzen Ja zu uns und zueinander sagen, wenn wir auch zu einem authentischen Nein in der Lage sind.“ (Jesper Juul)

Wie schon angekündigt soll es heute um die Kunst gehen Nein zu sagen. Genauer betrachtet ist ein „Nein“ ein Geschenk. Denn es zeigt, dass in der Beziehung ein großes Vertrauen besteht und ich weiß, dass ich hier meine Integrität wahren darf. Hier darf ich ich sein und meine Grenzen zeigen. Denn ein Nein ist nichts weiter als ein Ja zu mir selbst und drückt aus, dass ich Verantwortung für mich übernehme. Daher ist das Nein eines Kindes sehr kostbar. Mit unserem Nein als Erwachsene verhält es sich ebenso. Wir geben dem anderem dadurch die Chance mit uns in Kontakt zu kommen. In der gewaltfreien Kommunikation geht man davon aus, wenn man etwas tut, was man eigentlich nicht möchte, dies die Qualität der Beziehung nachhaltig beeinträchtigt. Auch in dem Sinne kann ein Nein eine liebevolle und beziehungsfördernde Antwort sein.

Warum fällt es  dann manchmal so schwer Nein zu sagen?

Mal drei Punkte, die mir dazu einfallen:

  1. Der eigene Anspruch

Seit meiner Begleitung von Familien stelle ich fest wie unheimlich Hoch der Anspruch an uns als Mütter oder Väter ist. Zum einen der Anspruch, der von der Gesellschaft an uns heran getragen wird, aber auch der Anspruch, den wir selbst an uns haben. Ich sehe da Frauen, die sowohl beruflich als auch ehrenamtlich engagiert sind. Die sich voll einsetzen für alles, was ihre Kinder interessiert. Nach einem langen Tag sind sie dann noch bereit mit ihrem Kind eine aufwendige Bastelarbeit zu beginnen, weil es sich das so sehr wünscht. Da staune ich und auf meine Frage, ob sie nicht erschöpft und müde sei nach so einem Tag, bekomme ich die Antwort, dass das wohl das Los einer Mama sei. Vielleicht ein krasses Beispiel, aber leider ein reales. Was muss das für ein Anspruch sein?

Darf ich als Mama meinem Kind seine Wünsche auch mal abschlagen? Keine Lust haben zu spielen? Einfach müde sein? Entspannung brauchen? Kein Lieblingsessen kochen? Etwas nicht kaufen auch wenn alle anderen Kinder es haben? Aus solch unbewussten Vorstellungen wie sich die „ideale Mama“ oder der „ideale Papa“ verhält, speist sich unser Anspruch.

Hinzu kommt noch unsere persönliche Geschichte. Je nachdem wie wir aufgewachsen sind, haben wir uns vielleicht vorgenommen es genauso oder auch ganz anders zu machen. Eine Mutter, die als Kind häufig in ihrer Freiheit und Neugier eingeschränkt wurde, hat sich unbewusst vorgenommen, dass sie ihren Kinder so etwas nie antun möchte. Ihre Kinder sollen immer viele Freiheiten haben. Und so hat sie jedes Mal mit ihrem eigenen Anspruch als Mama zu kämpfen, wenn sie ihre Kinder ihrem Empfinden nach in deren Freiheit einschränkt. „Ein Nein, heute ist mir das zu viel, wenn du schon wieder die Blumenerde in der Wohnung verteilst, auch wenn sich das so schön anfühlt“, ruft bei ihr ein schlechtes Gewissen hevor.

Ein Nein fällt also manchmal schwer, weil es uns in Konflikt bringt mit unserem Anspruch, den wir aufgrund übernommener Vorstellungen oder unserer Geschichte an uns haben.

Das Gute ist: Man kann sich diesen Anspruch bewusst macht und überprüfen, ob er dem entspricht wie man leben möchte. Falls das nicht so ist, besteht die Möglichkeit zur Veränderung. Ein Maler sucht für sein Kunstwerk den passenden Rahmen, in dem es voll zur Geltung kommt. Er käme nie auf die Idee, das Kunstwerk an einen Rahmen anzupassen. In diesem Sinne besteht immer die Möglichkeit einen Rahmen zu suchen, der passt. Uns nicht zu verbiegen, um in einem Rahmen zu passen, der für uns gar nicht stimmig ist. Denn das Kunstwerk ist einzigartig und wundervoll. Im passenden Rahmen kann man es in seiner ganzen Pracht bestaunen.

Morgen dann mehr…

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