Langeweile

Als ich um 6:15 Uhr neben mir heute ein „Mama aufstehen“ hörte, war ich ziemlich überrascht. Das kann doch nicht sein, schoss mir durch den Kopf. Jetzt, wo wir nicht zeitig zur Schule müssen, wird Fritz ständig noch eher wach als sonst. Es gelang mir noch ein paar Minuten kuscheln rauszuschlagen, doch dann hieß es schon „Mama, mir langweilig!“.„Mama, mir ist langweilig!“ kommt auch immer mal wieder von den anderen sechs. Als ich angefangen habe mich selbst mal zu beobachten wie ich auf diesen Satz reagiere, habe ich bemerkt, dass er in mir ganz schnell einen Handlungsimpuls auslöst. Ich höre in dem „Mama, mir ist langweilig“ oft eine Aufforderung, doch etwas zu unternehmen, dass dieses, wie es bei Wikipedia zu finden ist, „unwohle, unangenehme Gefühl“ sich verändert. Als mir das aufgefallen ist, habe ich versucht mein Haltung zu verändern. Denn ich bin überzeugt, dass Langeweile ein sehr wichtiges Gefühl ist.So höre ich heute bei einem „Mama, mir ist langweilig!“ von meinen Kindern eher ein „Mama, ich fühle Langweile, kannst du mich darin begleiten und es mit mir aushalten bzw. anschauen, welches Bedürfnis ich habe?“Ich habe bisher zwei Seiten von Langeweile entdeckt. Bei Penny ist es zum Beispiel meist so, dass sie eine Erholungspause braucht. Ganz oft ist ihr „langweilig“, wenn sie grade etwas Spannendes erlebt hat, intensiv gespielt oder ganz vertieft war. Aber auch wenn sie müde, hungrig oder einfach schlapp ist. Dann kommt sie oft zu mir geschlichen und teilt mir mit, dass ihr langweilig ist. Wenn, wie manche Neurobiologen sagen, Langeweile darauf hinweist, dass unser Gehirn und Körper eine Pause braucht, wäre es unangebracht ihr jetzt die nächste spannende Idee zu vorzuschlagen. Jetzt brauch es Regeneration, Integration des Erlebten, ein inneres Ordnen und Auffüllen der Kraftreserven.Ganz anders verhält es sich zum Beispiel bei Lotti. Bei ihr zeigt sich die andere Seite der Langeweile. Wenn sie kommt und mir sagt, dass ihr langweilig ist, geht es meist darum, dass sie „unterfordert“ ist und sich neu orientieren muss. Lotti ist es gewohnt auf diese Welt zu kommen und dort eine Schwester zu haben, die meist mehr Ideen hat als es möglich ist umzusetzen. Eine Schwester, der es gelingt aus allem ein Spiel zu machen. So hatte Lotti von Anbeginn an immer ein tolles Entertainment. Wenn sie jetzt in Situationen kommt, wo niemand da ist, der eine Spielidee hat, ist ihr oft langweilig. Mit ihr die Langeweile auszuhalten, erinnert mich manchmal an eine Geburt. Wenn ich ihr ihre Langeweile zugestehe und wir sie gemeinsam aushalten, zeigt sich manchmal Wut, dann eine Welle Traurigkeit. Ist die verebbt kommt Frustration, dann ein Schmerz und ein Gefühl von Einsamkeit. Nach einiger Zeit wird es ruhiger in ihr, es zeigt sich eine Leere und dann nach dem nichts kommt sie meist ganz unerwartet und unverhofft um die Ecke – die nächste Idee. Und sie kommt nicht alleine, sondern hat auch Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit und eine größere Selbstwahrnehmung mit im Gepäck. Denn Lotti hat es geschafft. Sie hat sich ausgehalten, sich mit dem was in ihr los war vertraut gemacht und hat gemerkt, dass es sich verändert und in ihr genug da ist. Es steckt in ihr – es muss nicht (immer) von außen kommen.In denke in den nächsten Wochen werde ich diesen Satz bestimmt öfters hören. Und ich habe mir fest vorgenommen, dann genau hinzuschauen und meinen Kindern diese Möglichkeit zu geben, dass zu erfahren. Sie wird kommen, die nächste Idee…und es entspannt natürlich auch mich als Mutter, denn ich muss für meine Kinder kein Animationsprogramm arrangieren. Wir leben einfach zusammen. Und ein letztes, es verhindert auch, dass ich frustriert oder gar wütend auf meine Kinder werde. Denn wenn ich immer wieder über meine Grenzen gehe, um ihnen etwas Tolles zu bieten und meine Kinder verhalten sich dann nicht so wie ich mir das vorstelle, werde ich schnell wütend. Ganz nach dem Motto ich habe doch gemacht, was sie wollten, nun sollen sie auch das tun, was ich will. An ihnen entlädt sich dann meine Wut, die eigentlich darin besteht über meine persönlichen Grenzen gegangen zu sein. Sie bleiben sich treu und verhalten sich stimmig und ich bin unstimmig geworden. Daher ein „Ja“ zu meinen Grenzen und ein „Ja“ zur Langeweile….

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